Fasching? Nein danke!

„Mir müssen uns zamtun, sonst geh ma allesamt unta“. Das war das Fazit der Sitzung des Faschingsvereins Allemunde e. V. in Berlchingen. Die Trutzinger, die sollten helfen, den arg an Mitgliedern geschrumpften Verein vor dem endgültigen Verfall zu retten. Schuld war natürlich wieder dieser demografische Wandel. Der lauert überall. Und der packt zu, wo er zupacken kann. Ohne Gnade. G’sehn hat ihn ja no keiner, diesen „demografischen Wandel“. Der ist nicht zu greifen. Kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg. Und hinterlässt Scherben. Wie im Berlchinger Faschingsverein Allemunde. Dort sitzen’s, seit dieser demografische Wandel da war, im Vereinsheim und hängen die G’sichter arg runter. Und das direkt am Faschingsendspurt. Heute ist Faschingssonntag!

Also Zeit hatten die Berlchinger wirklich nimma. Sie mussten sofort handeln, sonst war alles verloren. Am Faschingsdienstag sollte der Gaudiwurm durch Berlchingen ziehen. Aber mit nur fünf Prunkwagen und fünf Fußgruppen? Na! Auf goar koan Fall! Denn sogar da war’s nicht sicher, ob die Narrinnen und Narren auch alle pflichtbewusst kommen, wie der Vorstand bei besagter Sitzung im Vereinsheim als einen der Hauptpunkte zu Gehör brachte. Jeder hat ja heutzutage so viel zu tun. Auch in der Freizeit. Freizeit hier, Freizeit da, Freizeit hinten, Freizeit vorne, Freizeit überall und humptata. Apropos humptata. Der Nerlbauer, der hatte in diesem Augenblick in die Sitzungsrunde hinein einfach so verkündet, dass die Humptata-Dorfkapelle eben per SMS abgesagt hat. Wegen Krankheit! „Na, des derf doch nicht wahr sein“, hat der Vereinsvorstand, der Hintermeier, gerufen. Wegen Krankheit! Was denn für a Krankheit? Eine Krankheit? Oder 14 Krankheiten? 14 deshalb, weil die Dorfkapelle nur noch 14 Mitglieder hat. Oder eine Dirigentenkrankheit? Oder eine Musiker-Ansteckungs-Krankheit am Ende? Und die hat dann alle auf einen Schlag erwischt? Der Hintermeier, der hat zu diesem Zeitpunkt die Welt wirklich nimma verstanden. Dabei wollte er am Faschingssonntag mit seiner Frau zur Sixty-Party in den Berlchinger-Saal. Aber des ist ihm jetzt schee vergangen. Dabei hat sich sei Frau so g’freit auf diesen Abend. „Nicht mit mir, nicht mit mir“, hat der Hintermeier nach dieser Schreckensmeldung im Vereinsheim in die Runde gerufen. „Ich lege mein Amt nieder!“ Da san’s alle erschrocken, die Vorstandsmitglieder. „Na“, haben’s gerufen. „Hintermeier, des kannst uns doch nicht antun!“ Und dann haben’s wild durcheinander auf den Hintermeier eingeredet. Mit Händen und Füßen, gebrüllt haben’s dabei so laut, dass die Gäste aus der Gaststube ins Nebenzimmer g’schaut haben, was denn da für ein Lärm los ist. Und nach und nach hat sich das Nebenzimmer gefüllt mit weiteren Leuten, die allesamt mit dem Faschingsverein Allemunde e.V. getrauert haben, dass jetzt alles vorbei sein soll, wo doch der Faschingszug immer so schee g’wesen ist. Und alles nur wegen dem vermaledeiten demografischen Wandel.

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Zum Nachdenken

Stellen Sie sich vor, die Bäume hätten blaue Blätter. Wären Sie dann nicht sehr geschockt? Ihre ganzen Gewohnheiten wären zunichte gemacht. Es würde sie aus der Fassung bringen. Sie würden sich den Kopf darüber zerbrechen, warum es ausgerechnet blaue Blätter sind. Wobei Sie sich aber den Kopf nicht darüber zerbrochen haben, als die Blätter noch grün waren. Wären Sie eigentlich von selbst darauf gekommen, dass es blaue Blätter geben könnte? Aber warum sollte es nicht blaue Blätter geben, es gibt ja auch grüne. Nun haben wir Ihre Gedanken ziemlich verwirrt, nicht? Aber wäre es nicht auch möglich, dass die Bäume auf dem Kopf stehen und blaue Blätter haben? Die Wurzeln würden die Luft umschlingen und die Spitzen wären in den Boden gerammt. Haben Sie sich dabei auch schon überlegt, was die Bäume machen, wenn der Boden zu steinig und zu hart ist? Jetzt denken Sie doch endlich einmal nach, vielleicht kommen Sie dann von selbst auf die Idee, dass die Bäume auch quer liegen könnten. Und wenn Sie ganz intelligent sind, dann fragen Sie sich bestimmt auch, warum die Bäume nun ausgerechnet blaue und nicht violette Blätter haben! Aber da Sie dazu wahrscheinlich zu dumm sind, werden Sie höchstens noch begreifen, dass die Bäume in den Boden gerammt sein oder querliegen könnten. Nun, es verlangt ja auch kein Mensch von Ihnen, dass Sie auch noch die blauen Blätter begreifen.

Wir hoffen, dass wir in Ihrem Unterbewusstsein jetzt irgendetwas angeregt haben.

G. + U.

Diesen Text haben Gabi und ich vor 35 Jahren geschrieben.

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Zurück?

Trauer quält mein Herz
über den Schmerz
über die Leere
ich habe es nicht bemerkt

Trauer quält meine Seele
über die Gleichgültigkeit
über die Sinnlosigkeit
ich habe es nicht gespürt

Trauer quält meine Tränen
über diese Fremde
über den Fremden
ich habe es nicht verhindert

Trauer quält meinen Blick
über das Entsetzen
über das Unverständnis
ich finde nicht mehr vorwärts

zurück? Nein!

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Spiegelnde Melodien

In spiegelnde Silhouette gerahmt
entspringen die Melodien
bildhaft, bildschön
werben sie mit übersinnlichen Reizen

nicht von diesseits sind die Klänge
und doch erschaffen aus Meisterhand
erheben sie Anspruch
erhaben frei, niemandens Sklave zu sein

entbunden aller Grenzen
entlassen aus zeitlichen Zwängen
entspringen sie purer Freude
zu hören, zu staunen, zu schauen

und sie durchleben meine Seele
bis in die Spitzen meiner Wimpern
spiegelnde Silhouette im Fensterrahmen
Kind einer sinnlichen Welt

Geschrieben am 11. September 1997 für Yamei Yu, deren Schönheit sich an diesem Tag
beim Konzertvortrag im grünen Fensterrahmen spiegelte

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Schwarzfüßig

Im Spinnennetz
gefangen in glitzerndem Tau
spinnt der Morgenwind
sein kühles Muster

eiserne Klammern
halten fest
was vogelfrei erschien
und die Spinne?

schwarzfüßig verdammt
webt sie
zum Unheil anderer
ihr eigenes Glück

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Treibsand

Treibsand
im Tränenmeer
verschlingt uns
den Verstand

in Not geraten
schwärzt die Segel
und oben sitzt grinsend
die Weisheit

“Mensch,
lass es bleiben
keiner darf weiter
auch du nicht!”

ich gebe nicht auf
wehre mich
eindringen will ich
in tiefe Strudel

bis der Mensch
hinausgetrieben
aus der Schwärze
kleinlicher Egos

fort von Tugend
fort von Tränen
hinausgeschwemmt wird
in lichthelle Gewissheit

Ist es dann Gleichgültigkeit?

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Entrückte Wunden

Im Steinkreis der Gefühle
erfasst mich das Erstaunen
über die Dinge
die ich nicht in Händen halte

mein Spiegelbild entrückt
Schicht um Schicht
schwindet mir die Schärfe
bis zur Unkenntlichkeit

entglitten ist der Sinn
die Gedanken
nicht von dieser Welt
gehören einem anderen

der Kreis verliert die Mitte
haltlos rutscht er ins Bodenlose
an leere Spiegel klammern sich
unverstandene Wunden

denn das verzerrte Spiegelbild
ist nur der leerer Hintergrund
dahinter wächst Verstehen
dahinter wächst die Trauer

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Lichtgeburt

Ruhelos treibt der Ostwind übers Land.
Die Amsel richtet ihr zitterndes Federkleid,
Verständnis weht über gefrorene Dächer

Heute wird das Licht neu geboren.
Aufgerichtet vom Glanz der Sterne
folgen wir der ewig wiederkehrenden Stimme

Licht bricht Dunkel
Liebe bricht Haß
Freude bricht Trauer
Lachen bricht Weinen

Und die klirrende Eisrose zerbricht an den Wurzeln.
Wo junge Keime gebettet in glasklares Vertrauen
sorglos von Neuem erwachen.

Lichtmess im Februar 2012

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Es IST Nicht so

Es ist nicht so,
ich habe mich nicht ausgeruht.

Ich habe nachgedacht.
Kannst du mir sagen,
warum die Bäume Wurzeln schlagen?

Ich habe gesucht.
Kannst du mir sagen,
warum die Stille nicht sprechen kann?

Ich habe gegrübelt.
Kannst du mir sagen,
warum die Sterne in glücklichen Augen Pärchen bilden?

Die Wissenschaft weiß es,
und Gaarder.
In seinem Buch ist der Engel der Weise.

Es ist nicht so,
ich habe mich nicht ausgeruht.

Zuerst verlor ich die Gedanken,
bis der Baum, bis die Sterne, bis die Stille
Raum fanden in der Raumlosigkeit.

Es ist nicht so.
Jetzt denke ich täglich ein paar Tropfen Leere.

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Was ist Liebe?

Ist Liebe, wenn ich über den Abgrund stolpere
ohne es zu bemerken. Einfach so hineingefallen?

Oder ist Liebe, wenn ich die Zähne ohne Zahnpasta putze
und im Regen stehe, ohne nass zu werden.

Weil ich die Zahnpasta vergessen habe
und der Regen mich nicht treffen kann.

Oder ist Liebe, wenn ich die Zwiebeln anbrennen lasse
und dabei selbst brenne.

Während das Wasser in meinen Augen
nicht von der Schärfe der Zwiebeln herrührt

sondern vom Schmerz
über den Schnitt in meinen Finger.

Weil mir beim Zwiebelschneiden klar wird,
dass ich längst über den Abgrund gerutscht bin

ohne auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht zu haben,
wie ich hier jemals wieder herausfinde.

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