Auf Island pocht das Herz der Erde

Das erste, das ich von Island gesehen habe, waren die Frauen. Im Flugzeug servierten sie Wasser und Cola, kleine Snacks. Prächtige Frauen mit breiten Hintern, großen Brüsten und dicken, blonden Haaren, zusammengehalten im Nacken als Knoten. Nein, sie waren gewiss nicht dick zu nennen. Wohlgeformt erschienen sie mir. Sowieso schon hochgewachsen stiegen sie auf hohen Absätzen elegant im Flugzeug zwischen den Passagieren auf und ab, beugten sich über mich, um zu schauen, ob ich den Sicherheitsgurt angelegt habe. So müssen sie ausgesehen haben, die Wikingerinnen auf Island. Aber es sollte noch besser kommen, wenn ich auch zuerst das Wetter zu spüren bekam. Kaum hatte ich den Flughafen in Keflavik verlassen, riss mir ein rauer, scharfer Wind das Blatt Papier aus der Hand, das ich bei Rent a Car erhalten hatte. Schwer zog ich meinen Koffer, kämpfte mich gegen die stürmische Böe Richtung Parkplatz, wo ein Fahrzeug für meinen Urlaub auf Island für mich bereitstehen sollte. Der Wind wurde mein ständiger Begleiter. Wie oft habe ich ihn verflucht. Aber jetzt, im Nachhinein, wäre Island ohne diesen Wind nicht Island gewesen. Wie so vieles, das mich in nur zehn Tagen geprägt hat für mein weiteres Leben. Zumindest hält dieser Zustand “nach Island” bis heute, vier Wochen später, noch an. Nur wenige Kilometer hinter dem Flughafen blieb mir nur noch, zu staunen. Staunen über eine Urgewalt, die vergessen hat, sich weiterzuentwickeln und der Menschheit so Augenblicke der Ewigkeit ermöglicht. Einer Ewigkeit, die zurückführt zum Ursprung allen Lebens. Die Landschaft hätte ebenso auf einem fremden Planet stattfinden können. Schwarzes Gestein, spitz und unwirtlich, glänzend breitete es sich vor mir aus. Das Sonnenlicht einfangend schillerte das Vulkangestein in schwarz-violetter Farbe soweit mein Auge reichte, raubte mir den Atem und holte mich ein in der Vergangenheit eines Planet, der sich Erde nennt. Wo bin ich hier? Hätte mir jemand die Augen verbunden und mich einsam in dieser Landschaft ausgesetzt, hätte das unweigerlich einen Schreikrampf ausgelöst – einerseits vor Entzücken, andererseits vor Entsetzen. Wo bin ich hier? Wer hat das erschaffen und warum? Diesen ersten Eindruck folgten Tage des Staunens und Entzückens über eine Insel im Norden der Welt, die so anders als alles bisher Dagewesene den Menschen und seine Empfindlichkeiten zurückholt zum Ursprung. Still und weitläufig sind die Landschaften, besiedelt von wenig Menschen, die freundlich und unaufdringlich den Touristen als einen Teil ihres Lebens aufnehmen. Ich werde nicht hofiert, dafür akzeptiert. Wie gut das tut, ein Land zu erkunden, das sich seinen Charakter, seine Identität noch erhalten hat. Die Innenstadt von Rekjavik, die kleinen individuellen Geschäfte sind isländisch – keine Spur von feindlicher Übernahme durch H & M und Co. Wie die Menschen, die Isländer selbst. Keine Anzeichen von Angleichung an europäische Normen. Diese Menschen sind Nordländer, typischer können sie nicht sein. Fast weißblond die jungen Männer, großgewachsen. Strohblond mit dicken Zöpfen und großen Busen die Mädchen. Markante Gesichter, weit und breit kein Heidi-Klum-Verschnitt. die älteren Menschen gezeichnet von Wind, Wetter, Entbehrungen. Welch grandiose Menschen in grandiosen Landschaften. Der Weg zurück von der Blue Lagune zu meiner Hütte führt am Meer entlang. Ich suche die schwarzen Strände, den schwarzen Lava-Sand. Aber hier ist er nicht, hier ist Einsamkeit, Einsamheit und wieder Einsamkeit. Die Straße gehört mir alleine, Kilometer für Kilometer begegnet mir nichts als der Wind. Links zerklüftete Vulkanberge, rechts das Meer ohne ein einziges Schiff oder Anzeichen von Leben. Nur selten ein einsames Haus an der Küste. Wie ein vom Sturm gebeutelter Baum scheint sich das Haus schief geraten mit den Jahren immer enger an Mutter Erde zu drücken in der Hoffnung, Erlösung von dieser Unwirtlichkeit zu erfahren, endlich. Warum lebt man hier inmitten dieser Einsamkeit an diesem Platz, der keinen Schutz bietet vor nichts? Es kommt noch “schlimmer”. Und diesmal bin ich derart beeindruckt, was an achtungsvoll grenzt. Hekla begleitet meine Ausflüge Tag für Tag. Aber Hekla – der größte Vulkan der Insel – kommt nicht näher. Ich fahre ihm entgegen, endlich scheint es, komme ich ihm näher. Nein, er rückt ab von mir. Ich habe nichts erreicht, Hekla ragt weit hinten am Horizont hoch in den Himmel, von weißen Gletschern bedeckt. Wie Hekla foppen hier alle Vulkane, alle Erhöhungen und Berge die Touristen. Was die Isländer längst gewohnt sind, ist unbegreiflich. Die klare Luft, die weite Sicht lässt alle Dinge näherrücken, bis ich ihnen näherkomme. Sofort rücken sie wieder von mir ab und ich muss mich von Neuem auf den Weg zu ihnen machen. Manches habe ich endlich erreicht, es waren die Ziele, die ich mir gesetzt hatte. Vieles, was ich mit dem Auge täuschend echt längst erreichen hätte müssen, konnte ich bis zum Schluss meines Urlaubs auf Island nie erreichen. Hekla wurde mein neuer Gott. Jedes Mal beim Blick aus dem Hüttenfenster oder Auto schaute ich nach Hekla. Und er war immer präsent. In seinen Bann gezogen hat mich der noch tätige Vulkan dann in seinem eigenen Museum, dem Heklazentrum. Ja, der Vulkan hat ein eigenes Museum, obwohl er doch noch lebt und nicht wie üblich in ein Museum als eine Legende oder vergangene Epoche gepresst wurde. Hekla ist ständig präsent auf Island, die Menschen fürchten ihn wie sie ihn achten und bewundern. Alle zehn Jahre zeigt sich Hekla den Menschen, spuckt Lava und Asche aus, glüht in den dunklen Nächten, lockt mutige Neugierige zu seinen speienden Kratern. Hätte Hekla gespeit während meiner wenigen Tage auf Island, ich wäre mit hinaufgewandert zu seinen Gipfeln und Kratern, auch auf die Gefahr hin, in Gefahr zu geraten. Aber Hekla tat mir den Gefallen nicht, ich musste Vorlieb nehmen mit dem Wissenswerten in seinem Center. Aber auch hier war Hekla präsent, fraglos fast ein wenig gespenstisch-gruselig. Ein Seismograph zog Linie für Linie über einen Bildschirm. In jeder dritten Linie eine Unterbrechung, ein kleines Beben zeichnet sich auf. Daneben der Bildschirm mit Heklas Bewegungen, digital aufgezeichnet in bunten ineinander fließenden Farben. Fasziniert starre ich auf die Bildschirme, schaue Hekla beim Leben zu. Dazu die wummenden Töne, leise, dann lauter, regelmäßig, bald wieder schneller und hektischer. Ich lausche und lausche, will Hekla in mich aufsaugen, fühle mit ihm, als sei ich ein Teil des lebendigen Vulkans. Hier, bin ich mir felsenfest sicher, hier pocht das Herz der Erde.

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