Die Chinesen Kommen

Berlchinger und Trutzinger Episode 2

„So. Etza is a endle weg.“ So einen tiefen Seufzer hat die Meier-Lehner Anni noch nie in ihrem Leben geseufzt. Die fesche Stuartesse, die an ihr vorbeiging, hat zweimal hingeschaut und gedacht: „Mei, wie jemand so herzzerreißend seufzen kann“. Die Meier-Lehner Anni hat den Greininger Fritz auf den Flughafen München begleitet, als der sich heimlich nach Shanghai davongeschlichen hat. Sie hat recht schee mit ihm getan, als würde sie ihn bedauern. Und als sei sie die einzige, die Verständnis für den Greininger Fritz und seine Managersorgen hat. „Mei, Fritzl,“ hat die Meier-Lehner Anni gesäuselt, „du musst halt a mal weg aus diesem Dorf. Du bist für was Bessas gebor’n. I kann di guad versteh’n, wenn’st nach diesa G’schicht mit da Trutzinger-Kanona erst mal abhau’st. I würd’ di so gern begleit’n. Aba des geht hald niet. I muss ja arwan.“ Der Greininger Fritz hat in seinem Elend wirklich gemeint, die Meier-Lehner Anni ist auf seiner Seite und hat sie sogar ganz fest umarmt, als sein Flieger nach Shanghai aufgerufen worden ist. Beinahe wäre er sogar da geblieben. Wenn man Sorgen hat, freut man sich über jeden „Strohhalm“, der zu einem hält. Und in diesem Moment war die Meier-Lehner Anni aus Berlchingen dieser Strohhalm für ihn. Fast hat er sich ein wenig in sie verliebt. Ja, das gibt es. Man kann sich in wenigen Sekunden in einen anderen verlieben. Des geht ganz schnell, ein tiefer Augen-Blick – und scho is g’scheng um einem. Gut, dass auf dem Münchener Flughafen alle Shanghai-Reisenden just in diesem Augenblick aufgerufen worden sind, in ihr Flugzeug zu steigen. Sonst wäre der Augen-Blick vom Greininger Fritz mit der Meier-Lehner Anni so tief ausgefallen, dass er am Ende der Meier-Lehner Anni einen Heiratsantrag gemacht hätte. Ganz spontan. Dabei ist die fünf Jahre älter als er. Und sie ist ihm eigentlich auch viel zu bieder. Zu „provinziell“, wie er immer zu sagen pflegte, wenn er mit seinen Kumpels Frauengespräche führt. „Na und wieda na“, so der weise Spruch des Greininger Fritzens, „a Wei aus da Provinz würd i niemals heiran. Nur aus der Großstadt, nur aus der Großstadt“.

Dazu muss man wissen, dass die Liesl – genau diese Liesl, die der Greininger Fritz in seinem Bett hat sitzen lassen, als das alles mit dem Faschingszug und der Trutzinger-Kanone passiert ist – eine „echte“ Großstädterin ist. Zumindest hat sie das dem Greininger Fritz so erzählt. Sonst hätt’ der sie gar nicht mit in sein Bett genommen. Was sie ihm aber nicht erzählt hat: Das mit dem Großstadtkind stimmt nur im Sinne von „Kind“. Weil es auf dem Land keine Hebamme mehr gibt und sich die werdenden Land-Mütter bei den ersten Wehen in die nächste große Stadt bringen lassen müssen, ist die Liesl im Grunde tatsächlich ein „Großstadtkind“. Nur zwei Tage später ist der Liesl ihre Mutter mit dem Baby aus den Vereinten Klinikumverbund Großberlchingen sofort wieder nach Hause in ihreTrutzingen Wohnung. Es hat ihr halt überhaupt nicht gefallen, der Liesl ihrer Mutter, in diesem sterilen Krankenhausbett, wo man ihr das Babystillen und das Wickeln und was halt so mit einem Neugeborenen zamhängt, nach „Vorschrift“ beibringen wollte. Dort hat man ihr sogar zugemutet, beim Stillen klassische Musik zu hören. „Weil dass die Musikalität des Kindes fördert, damit es im zarten Alter von einem Jahr den ersten Geigenunterricht nehmen kann“, hat ihr die pfurzsch’eite Hebamme einreden wollen. Da hat es der Liesl ihrer Mutter greicht.

Sie hat ihr Tasch’n packt, hat ihr Baby g’nomma und ist heim. „Mir san doch da nicht in China!“, hat’s g’rufen, der Liesl ihre Mutter. Kurz vor der Geburt nämlich hat’s im Fernseher gesehen, was die Chinesischen Mütter alles auf sich nehmen, damit ihre Kinder allesamt a mal berühmte Musiker werden. Da müssen die Kinder – kaum das laufen kinna – schon in a Musikschul, um Geige zu lernen. Und überhaupt: Des san alles kloane Erwachsene. Von klein auf haben die einen straffen Stundenplan, die Mütter fahren mit denen von Kurs zu Kurs: Geige, Singen, Früherziehung Lesen, Schreiben, Mathematikaufbauseminar, Malen vom ersten Babyschrei an, Schönheitswettbewerb „Chinas next Babymodel“, Rhetorik für Kleinanfänger, Catwalk-Krabbeltraining, Skigymnastik, Golfgrundkurs, Tennisballwurfübungen… Endlos ging das in der Fernsehdoku so weiter. Der Liesl ihre Mutter hat, als ihr die Hebamme des mit der Klassik einreden hat wollen, vielleicht einen Schreck gekreigt. „Mei, i fahr’ doch wegen der Karriere von meinem Balg niet von früh bis spät durch die Gegend“, hat sich der Liesl ihr Mutter gedacht. Und so kam es, dass die kleine Liesl zwei Tage nach ihrer Geburt schon wieder weg aus der Großstadt „gezogen“ ist aufs Land. Aber das hat sie dem Greininger Fritz natürlich nie erzählt. Dem hat sie vorgeschwärmt von ihrer „Großstadterfahrung“ in Großberlchingen und den tollen Leuten, die sie dort kennt, vom Oberbürgermeister bis zum Bundestagsabgeordneten und dem Großunternehmer und dem Schauspielerehepaar aus der Bayern-Soap, die allesamt ihre „besten Freind san“. Das hat dem Greininger Fritz mächtig imponiert. Und deshalb hat er die Liesl mit in sei Bett genommen.

Aber das war alles vergessen in dem Moment, in dem der Greiniger Fritz der Meier-Lehner Anni so tief in die Augen g’schaut hat in seiner Not, als er nach Shanghai hat flüchten müssen, damit er sein Gesicht nicht noch mehr verliert wegen der verfluchten Trutzinger Kanone, die in die Trutzinger Burg reingeschossen hat beim Faschingszug. Schon wollte er sie küssen, die Meier-Lehner Anni. Plötzlich dröhnte es durch den Flughafenlautsprecher: „Fluggäste Shanghai. Bitte zum Gate 57“. Der Greininger Fritz ist vielleicht aufgeschreckt. Plötzlich ist ihm bewusst geworden, was er da angestellt hätte. Der war vielleicht froh, dass er noch die Kurv’n gekriegt hat. Schnell hat er die Meier-Lehner Anni noch einmal an sein Herz gedrückt und dann ist er verschwunden im Gate 57. Nicht einmal mehr umgeschaut hat er sich mehr nach ihr.
Aber das war der Meier-Lehner Anni ur recht. Die hat halt mitgespielt. In Wirklichkeit war sie total froh, den Greininger Fritz endlich los zu sein. „Jetzt“, dachte sich die Meier-Lehner Anni, „kann sie endlich die Vereinsvorsitzende werden“. Gut, momentan gab es zwar keinen Verein mehr, weder in Berlchingen noch in Trutzingen. Beide haben sich wegen der Geschichte mit dem Schuss aus der Trutzinger-Kanone auf die Trutzinger Burg noch am selben Tag dieser Tag zerstritten und umgehend aufgelöst. Nicht nur der Greininger Fritz hat den Vorsitz im „Allenase e. V. Trutzingen umgehend niedergelegt. Auch der Hintermeier hat den Vorsitz im Berlchinger Verein Allemunde e. V. sofort hingeschmissen.

Was zur Folge hatte, dass sich auch der Berlchinger Verein hat auflösen müssen. Ohne Vorstand geht das nun einmal nicht wegen der Statuten und wegen der Rechtsvorschriften. Keiner wollte dem Hintermeier Sepp seinen Posten übernehmen. Außer der Meier-Lehner Anni. Die wollte das schon immer. Aber ihr hat mal wieder keiner zugehört. „Dann lösen wir den Verein auf. Unseren wunderbaren Verein, den es schon 100 Jahre gegeben hat“, haben die alten Vorstände feierlich verkündet. Dann haben sie ein paar Tränen vergossen und das ganze Prozedere mit einer Maß Bier begossen. Oder zwei, Maß Bier. Auf alle Fälle war die Meier-Lehner Anni zu dieser Veranstaltung wieder zu spät gekommen. Und bis sie laut hat sagen können, dass sie den Vereinsvorsitz übernimmt, hörte ihr schon wieder keiner mehr zu, weil’s alle schon besoffen waren. Die Gardemädchen, die hätten die Meier-Lehner Anni genommen als Vereinsvorsitzende. Aber die sind noch zu jung, um einen Verein zu gründen.

Die Meier-Lehner Anni hat ganz genau hinterhergeschaut, dass der Greininger Fritz wirklich in seinen Flieger gestiegen und abgeflogen ist. Als das Flugzeug über den Flughafen schwebte und hinterm Horizont verschwand, hat sie „Ha“ gerufen und – wie schon gesagt – herzzerreißend geseufzt. Ihre große Stunde war gekommen. Die Meier-Lehner Anni hat diesmal alles vorher durchgeplant. Nicht sofort hat sie den Berlchingern und Trutzingern gesagt, dass sie den alten Faschingsverein neu gründen wird. Sie hat ein paar Wochen verstreichen lassen. Die Fastenwochen nach dem Fasching, die wollte sie abwarten. Weil da war jeder damit beschäftigt, dem anderen zu verheimlichen, dass er sein Fasten-Versprechen nicht einhält. Weil das mit diesen Fastenversprechen sechs Wochen lang von Aschermittwoch bis Ostern, das halten nur die Härtesten aus. Und die kann man in Berlchingen und Trutzingen an einer Hand abzählen. Kein Bier, keine Zigaretten, kein Wein, kein Weib, keine Torte, keine Schokolade, keine Party, keine Chips, keinen Sex: Des machen die Berlchinger nicht mit.

Und die Trutzinger scho gar nicht. Um den Schein zu wahren, weil es halt „in“ ist, haben natürlich alle nur vom Fasten geredet, von wegen „Bierverzicht“ oder „keine mehr rauchen sechs Wochen lang“. Die Frauen haben steif und fest behauptet, auf die fetten Torten aus der Bäckerei Leichter zu verzichten. Und auf das Glas Rotwein am Abend. Und die Kinder, die haben keine Schokolade mehr bekommen sechs Wochen lang. Die einzigen, die dabei aber wirklich fasten mussten, waren zwangsweise die Kinder. Die Berlchinger und Trutzinger Mütter haben wirklich keine Schokolade mehr mitgebracht aus dem Supermarkt. Die heimliche Flasche Rotwein und die Tortenstücke – die hatten sie schon noch dabei, versteckt ganz unten im Korb. Und dann haben’s scheinheilig den Kindern gepredigt, dass doch auch sie Verzicht üben und so, diese falschen Weiber…
Also haben alle so getan, als hätte man in Berlchingen und Trutzingen das Fasten nicht erst erfunden, sondern sei schon seit Jahrhunderten besonders stark in solchen Tugenden. Der Berlchinger Pfarrer Niedmann und der Trutzinger Pfarrer Brandberger waren mächtig stolz auf ihre „Schäfchen“. Beide haben so fest an ihre Gläubigen geglaubt, dass sie es nicht gemerkt haben, wenn wieder ein Berlchinger in die Berlchinger Kirche oder ein Trutzinger in die Trutzinger Kirche leicht angesäuselt gekommen ist zur Messe. Der Pfarrer Niedmann hat sich vielleicht gefreut, als die Meier-Lehner Anni zu ihm ins Pfarrheim gekommen ist und ihn gefragt hat, ob sie am Ostersonntag in der Ostermesse feierlich verkünden darf, dass sie die Faschingsvereine neu gründen wird. „Weil des ist so a Wiederauferstehung wie beim Herrgott“, hat die Meier-Lehner Anni gmeint. Die Meier-Lehner Anni war so euphorisch, dass sie am Ende sogar eine „Osternachts-Gründungstaufe“ hat draus machen wollen So mit Weihwasser und dem ganzen Drum und Dran, wie eben eine traditionelle Osternachtstaufe. „Weil a Kinderl hoast ja grod koans“, hat die Meier-Lehner Anni dem Pfarrer einreden wollen. Aber des is dem Pfarrer Niedmann dann doch z’weit gegangen. „Bei einer Ostertaufe“, hat er die Meier-Lehner Anni streng aufgeklärt, „wird ein Kind getauft. Aber doch kein Verein, liebe Anni.“ Aber weil er der Meier-Lehner Anni ihr Engagement für die Gemeinden honorieren wollte, hat er ihr erlaubt, nach der Predigt in der Ostermesse ein paar Worte von der Predigerkanzel zu sagen. Natürlich hat die Meier-Lehner Anni gewusst, dass die Trutzinger auch in die Berlchinger Kirche zur Ostermesse kommen, weil die Berlchinger Kirche halt das größere und feierlichere Gotteshaus ist, während in Trutzingen neben der Burg nur ein kleines Kirchlein steht. Für einfache Gottesdienste reicht’s zwar, weil eh nur a paar Trutzinger in die Messe gehen. Außer an Ostern und Weihnachten. Da werden die Festgottesdienste eifrig genutzt von den Berlchingern und den Trutzingern. Also das geht auf die Frauen zurück. Die wollen an Ostern und Weihnachten ihre neuen, teuren Kleider herzeigen. Damit die Nachbarin recht neidisch sein kann. Und deshalb pilgern an Ostern die Trutzinger immer in die Berlchinger Kirche. Zu Fuß, versteht sich. Die beiden Dörfer sind ja nur 500 Meter weit entfernt. Weil aber die Berlchinger auch ihre Kleider zeigen wollen, pilgern diese – bevor sie die Kirche betreten – erst einmal Richtung Trutzingen. Heimlich, versteht sich, sonst würde da ja blöd kommen. Und deshalb sieht man an Ostern oder Pfingsten oder Weihnachten immer die Berlchinger und die Trutzinger in trauter Zweisamkeit gemeinsam Richtung Berlchinger Kirche pilgern. Das hat sich eingebürgert, so sehr, dass sich niemand mehr darüber wundert. Und so sind also die Berlchinger und die Trutzinger am Ostersonntagmorgen gemeinsam in die Berlchinger Kirche wandert.

Die Meier-Lehner Anni war schon da. Die war vielleicht aufgeregt. Sie hat sich für die Ostermesse extra ein neues Kleid und einen neuen Mantel gekauft. Erst das Kleid. Aber dann hat sie sich erinnert, dass es an Ostern noch kalt ist. Im Kleid in die Kirche? Das geht nicht. Da hätten sie die anderen alle blöd angeschaut und hätten gedacht: „Jetzt spinnt’s endgültig, die Meier-Lehner Anni“. Und sie wollte sich doch ihren großen Auftritt nicht wegen einer solchen Kleinigkeiten schon wieder vermasseln. Also hat sie sich von ihrem letzten Ersparten auch noch einen Mantel gekauft. Einen lila Mantel. Damit es feierlich ausschaut, wenn sie auf der Kanzel steht und die Vereinsgründung verkündet. Und damit sie zum Pfarrer passt, weil dem seine liturgischen Gewänder sind schließlich auch immer in Lila. Was die Meier-Lehner Anni wieder mal nicht gewusst hat, weil sie halt keine so tiefgläubige Frau: Lila ist die Pfarrersfarbe für Beerdigungen. Am Ostersonntag hatte der Pfarrer Niedmann natürlich Prunk an, schließlich war das die Auferstehung seines Chefs. Also musste Rot und Gold her.
Das war der erste Schock am Ostersonntag auf der Kanzel. Ganz leise ist die Meier-Lehner Anni hinter den Pfarrer rauf auf die Kanzel geschlichen und hat sich hinter dem Vorhang auf der schmalen Wendeltreppe versteckt. Als sie den Pfarrer in Rot/Gold sah, wollte sie am liebsten wieder gehen. Aber dann hat sie ihren ganzen Mut zusammengenommen. Nur hat sie vor Aufregung nicht daran gedacht, dass am Ostersonntag der Pfarrer Niedmann die längste Predigt des Jahres hält. Schließlich muss so ein Pfarrer das ausnutzen, wenn schon mal alle da sind.
Wie die Meier-Lehner Anni ihre Vereinsgründungsrede hat der Pfarrer Niedmann wochenlang vorher seine Predigt vorbereitet. Wenn das Fenster im Pfarrhof offen stand, hat man ihn gehört, wie er seine Predigt laut geprobt hat. Auf und ab ist der gegangen dabei, der Pfarrer Niedmann, stolzen Hauptes, weil das dazugehört zu einer guten Predigt. Aber ganz auswendig hat er sie nicht hingekriegt. An manchen Stellen hat er immer wieder was vergessen. Ausgerechnet an den wichtigsten Stellen, wo er besonders klug daherreden wollte. Also hat der Pfarrer Niedmann lieber seine Spickzettel mit auf die Kanzel genommen. Dort hat die Meier-Lehner Anni vor der Messe schon ihre ausgedruckte Rede hingelegt. Auch sie hatte Angst davor, sich vor Aufregung zu verheddern und am Ende nicht mehr zu wissen, was sie hat sagen wollen. Diese Blackouts, die kannte sie von ihren früheren Auftritten im Verein. Dass es Blackouts waren, hat allerdings bisher noch nie jemand mitgekriegt. Weil die Meier-Lehner Anni war bei ihren „Auftritten“ immer derart stumm vor Schreck über ihren eigenen Mut, dass gleich gar niemand mitbekommen hat, was sie sagen wollte.
Der Pfarrer Niedmann hat mit seiner Predigt begonnen. Von der Auferstehung hat er geredet. Vom Heiland, der aus seinem Grab raus ist und wie die Frauen erschocken sind deshalb und wie er geleuchtet hat, der auferstandene Herrgott. Bald ist er abgeschweift, der Pfarrer Niedmann und ist bei den Hennen und dem Gockel im Stall gelandet, weil das Ei als Symbol für die Fruchtbarkeit und Erneuerung steht. Dann hat er die Berlchinger und Trutzinger gefragt, ob sie auch alle ein gefärbtes, gekochtes Ei zum Segnen in ihren Taschen haben. Die, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeschlafen sind, haben auch alle ihre bunten Eier aus den Taschen gekramt und haben sie hoch gehalten, damit der Pfarrer sieht, was für brave Schäfchen er hat. Nach der Eierschau in der Kirche ist dem Pfarrer noch eingefallen, dass er auch ein bisschen schimpfen muss mit seinen Schäfchen, weil das heute so gut passt, wenn schon einmal alle da sind. Er hat „die Erneuerung des Herrn bei der Auferstehung“ dazu hergenommen, um über die „Erneuerung“ des Kirchganges zu sprechen. Man könnte sich doch als guter Christ vornehmen, jeden Sonntag in die Messe zu kommen, in die Berlchinger Messe, versteht sich, hat der Pfarrer laut gerufen. Danach wollte die Meier-Lehner Anni aus ihrem Versteck vor treten und ihre Rede halten. So war das ausgemacht. Sie stand steif und starr, halb erfroren, hinter dem Vorhang zur Kanzel und hätte es bald nicht mehr ausgehalten. Der rechte Fuß war ihr eingeschlafen, weil sie so staad hat sein müssen hinter dem Vorhang, damit die Leut’ unten in der Kirche nix hören.

Endlich, dachte die Meier-Lehner Anni: Ihre große Stunde.
Sie und der Pfarrer Niedmann haben aber nicht damit gerechnet, dass der Pfarrer Brandberger aus Trutzingen an diesem Tag aus Mangel an Gläubigen in seiner Kirche ebenfalls in der Berlchinger Kirche sitzt. Der ist sofort aufgesprungen und hat zum Schreien begonnen, was dem Pfarrer Niedmann denn eingefallen sein, ihm seine paar Sonntagsgläubigen auch noch abzuwerben, wo eh fast keiner mehr in die Trutzinger Kirche kommt. Dann ist der Pfarrer Brandberger mit großen Schritten aus seinem Chorstuhl geeilt und rauf auf die Kanzel. Schlagartig sind alle Berlchinger und Trutzinger wieder aufgewacht. Eine Rauferei in der Kirche, noch dazu am Ostersonntag und zwischen zwei Pfarrern? Das hat die Welt noch nicht erlebt! Das muss man mitkriegen, um hinterher mitreden zu können. Während die beiden Pfarrer oben auf der Kanzel gewettert und gestritten haben und dabei auch fast ein wenig ins Raufen gekommen sind, haben sie die Unterlagen vom Pult geworfen. Die vielen Zettel sind wie ein Regen hinuntergerieselt auf die Gläubigen in den Kirchenbänken. Auch der Meier-Lehner Anni ihre Vereinsgründungsrede war dabei. Die Meier-Lehner Anni wollte ihr Zeugs noch retten. Herzhaft ist sie deshalb zwischen die beiden Pfarrer gesprungen und hat dabei vergessen, dass sie jetzt auf der Kanzel von allen Trutzingern und Berlchingern gesehen wird.

Da sind den Berlchingern und den Trutzingern vor Staunen die Münder offen geblieben. Was will denn die Meier-Lehner Anni oben auf der Kanzel? Und warum wirft sie sich zwischen die zwei raufenden Pfarrer? Ist da am Ende was Unanständiges im Gange, was den Berlchingern und den Trutzingern entgangen sein könnte in den vergangenen Wochen? Dann haben die Berlchingern und die Trutzinger die Zettel gesehen, die es von der Kanzel geregnet hat. Alle haben gleichzeitig danach gegriffen, sodass auch unten in den Kirchenstühlen ein Gerangel und Geraufe in Gang gesetzt wurde. Ausgerechnet das Titelblatt mit dem Konzept über die Vereinsgründung fiel – ja wem wohl? – dem Greininger Fritz vor die Füß’. Der nämlich war wieder zurückgekehrt aus Shanghai, weil dort alles so rasend schnell geht. Der Greininger Fritz hat dort beide Faschingsvereine mit Chinesen gegründet, die haben dann Trutzingen und Berlchingen nachgebaut und auch den Faschingszug kopiert.

Aber danach war das alles gleich wieder langweilig. Die Chinesen haben die Lust wieder verloren am Faschingsspiel und haben weiter ihre Wolkenkratzer in Shanghai gebaut. Man könnte rast meinen, die Chinesen wollen es als erste in den Himmel schaffen, so eifrig bauen die sich einen Wolkenkratzer nach dem anderen. Also war der Greininger Fritz bald wieder heimgeschickt worden, denn auch seine Arbeit für die Firma war ziemlich schnell erledigt. In China, da hat er sich schnell stylen lassen, weil auch dazu braucht man nicht lange. So ein Lifting geht ruckzuck dort. Und abgenommen hat er. Der Bierbauch war weg. Und einen Seidenanzug hat er sich nähen lassen. Einen Designeranzug. Also einen gefälschten, weil das ist halt in China so. Da ist das Falsche so echt, dass niemand das Echte überhaupt will, weil das Falsche viel echter aussieht. Aber das wussten die Berlchinger und die Trutzinger alles nicht. Deshalb haben ihn nur ein paar Berlchinger und Trutzinger erkannt, als er so gestylt und managermäßig gelangweilt durch das Dorf geschlendert kam. Die, die ihn erkannt haben – am Reden übrigens, weil den Trutzinger Dialekt, den hat der Greininger nicht wegstylen lassen können – haben ganz schön gestaunt über die Verwandlung des Managers Greininger Fritz. Fast ein wenig Hochachtung haben sie ihm entgegengebracht, weil er so reich ausgschaut hat, beinahe wie einer dieser Großkopferten aus dem Fernsehen. Aber zurück zum Kirchenchaos: Der Greininger Fritz hat das Titelblatt der Meier-Lehner Anni aufgehoben und gelesen. Dann hat er durch seine Zahnlücke gepfiffen. Laut und zischend. Was er da gelesen hat, hat ihm erst mal die Sprache verschlagen. „Dieses Luder“, hat er gedacht. „Hat die am Flughafen einen auf Liebe gemacht. Dabei hat sie nur gewartet bis ich weg bin, damit sei mir den Verein wegschnappen kann! Aber nicht mit mir, nicht mit mir!“ So hat der Greininger Fritz gedacht. Und sofort seinen vorherigen Plan verworfen: Der Greininger Fritz wollte nämlich an diesem Ostersonntag eine tolle Nachricht verkünden, um die „dai oarma Doarftrottel“ noch mehr zu beeindrucken. Aber wenn die Meier-Lehner Anni jetzt zu Wort kommt, das wusste der Greininger Fritz sofort mit einem Blick auf das Notizblatt der Anni, dann würd’ sie ihm die Schau stehlen.

Der Greininger Fritz ist also aufgesprungen und vor zum Altar, wo das Mikrophon für die liturgischen Fürbitten steht. „Liebe Gemeinde, liebe Gläubige, meine lieben Herrn Pfarrer!“ hat er reingerufen. Zuerst hat ihm niemand zugehört. Dann hat der Greininger Fritz die Lautsprecher auf absolute Lautstärke gedreht Der Pfarrer Niedmann wollte dem Pfarrer Brandberger eben eine schmiern, als der Greininger Fritz ein zweites Mal ins Mikrophon geplärrt hat. Diesmal war es laut genug. Vor Schreck erwischte der Pfarrer Niedmann die Meier-Lehner Anni, die wiederum deshalb beinahe über die Kanzelbrüstung gefallen wäre. Der Pfarrer Brandberger hat sie in letzter Sekunde am Ärmel erwischt und wieder zurück auf die Kanzel gezogen. Dabei ist der neue, lilafarbene Mantel zerrissen mit einem lauten Ratsch. Komisch und warum das so war, wird niemals wieder jemand nachvollziehen können. Aber genau dieses Ratsch beim Zerreissen des Stoffes war wie ein Zeichen für die gesamte Kirchengemeinde unten in der Kirche – wo inzwischen heftigste Streitereien um die Redezettel entfacht waren – von einer Sekunde auf die andere mucksmäuschenstill zu werden und Richtung Altar zum Greininger Fritz zu schauen.

Darauf hat der Greininger Fritz nur gewartet. „Liebe Freunde“ hat er ins Mikrophon geplärrt. „Ich weiß, ihr wisst nicht mehr, wer ich bin. Ich bin der Greininger Fritz und ich war in Shanghai! Und ich habe eine Überraschung für euch“ hat er weiter in feinstem Hochdeutsch (oder was er dafür gehalten hat) gesagt. Dann hat er erst mal die Verblüffung unter die Leut’ ausgekostet und ein paar vornehme Sekunden lang geschwiegen. Die Meier-Lehner Anni ist oben auf der Kanzel vor Schreck total erstarrt. Dann hat sie den Pfarrer abgeschüttelt – der sie immer noch festgehalten hat und sogar extra an sich gepresst hat (ob zum Schutz oder weil ihm das gefallen hat, weiß man heute nicht mehr) – von der Kanzel runtergerannt, hin zum Altar, hat dem Greininger Fritz das Mikrophon weggerissen und hat geistesgegewärtig hastig reingeschrieen: „Ich habe mich schweren Herzens entschlossen, die große Hürde auf mie zu nehma: I gründ’ die Foasnetvereine wieder, alle beide. Und ihr derfst alle wieda Mitglieda wer’dn.“ So als habe sie geahnt, dass ihr jetzt der Greininger Fritz die Schau stehlt, hat sie es schnell hinter sich gebracht. Uff, Gott sei Dank. Geschafft. Zwar war jetzt die Rede dahin und all das Feierliche. Aber Hauptsache, die Berlchinger und Trutzinger wussten endlich, was sie zu sagen hatte. Jetzt is wieder ein Tumult in der Kirche entstanden. „Mir woll’n erst hören, was der Greininger Fritz zu sagen hat“, hat ein alter Bauer von der letzten Kirchenbank hinten nach vorne gerufen. „ja, des woll’ma!“ haben ihm die anderen zugestimmt. „Greininger, Greininger, Greininger“ ist ein Chor der Gläubigen dann entbrannt. Also hat der Greininger Fritz der Meier-Lehner Anni das Mikro wieder abgenommen.

Nicht ganz freiwillig, aber die Meier-Lehner Anni wollte doch nicht in der Kirche an Ostern als „Böse“ dastehen. Also hat sie nach erstem Widerstand das Mikrophon hergegeben. Sie konnte ja nicht ahnen, was der Greininger Fritz sagen wird. Das hat der Meier-Lehner Anni gar nicht gefallen. „Erstens ist das wunderbar, was uns die Meier-Lehner Anni hier gesagt hat“, hat der Greininger Fritz gesäuselt, in reinstem Hochdeutsch versteht sich. „Natürlich werden wir ihren Vorschlag annehmen und die Vereine neu gründen. Und natürlich werden wir, ich und der Hintermeier, die Vorstandsvorsitze wie einst wieder übernehmen. Das ist doch selbstverständlich.

Das hat der Greininger Fritz gesagt, der schlaue Fuchs der. Dann hat er den Hintermeier Sepp zu sich vor an den Altar gebeten und ihm die Hand gereicht. Und alles war so feierlich, dass die Leute zum Weinen begonnen haben vor Freude, dass ihre beiden geliebten Faschingsvereine wieder auferstehen sollten an diesem Auferstehungstag. Und alle haben dem Greininger Fritz und dem Hintermeier Sepp Applaus zugeklatscht über diese Großzügigkeit. Ganz laut. In einem Gotteshaus. Den beiden Pfarrern wollte schier der Atem stocken über diesen Frevel. Schon eilten beide – nach dieser Schande in trauter Zweisamkeit als Hüter des Gotteshauses – nach vorne zum Altar, um dieser unverschämten Kirchengemeinde Einhalt zu gebieten. Doch noch bevor sie den Altar erreichen konnten, hatte der Greininger Fritz schon wieder eine tolle Nachricht zu verkünden

„Leute. Hört mir noch einmal zu. Ich habe noch eine Überraschung für euch,“ rief er. In freudiger Erwartung über dieses zweite Ostergeschenk lauschten die Berlchinger und Trutzinger ein weiteres Mal ergeben diesem wunderbaren Mann aus China. Der Greininger Fritz war der Star dieses herrlichen Ostersonntags, der so anders als üblich statt mit einer langweiligen Messe und einem nachfolgend viel zu fettem Osteressen sowie einem gähnend-anstrengenden Osterfamilienbesuchsnachmittag mit einem wunderbar-tratschreichen Skandal begonnen hatte. Sofort hingen sie wieder alle wie gebannt an seinen Lippen. Was dieser weltmännische Trutzinger wohl noch zu sagen hat? Der Greininger Fritz hat eine lange Pause gemacht. Dann hat er sanft gelächelt und wie die frohe Osterbotschaft feierlich verkündet: „Dank meiner großartigen Verbindungen zur Weltherrschaft und alldem kann ich den Berlchingern und den Trutzingern ein wunderbares Geschenk machen: Die Chinesen kommen!“
Jetzt hätte man eine Stecknadel fallen hören können im Kirchenschiff, so leise wurde es. Die Berlchinger und die Trutzinger erstarrten. Chinesen? Ja meine Güte: Was soll man denn mit Chinesen anfangen? Aus Shanghai am Ende noch?

Vergessen war die Vereinsgründung, vergessen waren die beiden Pfarrer, die jetzt versuchten, ans Mikrophon zu kommen, um zumindest einen Teil der Ostermesse noch zu retten. Die Berlchinger und die Trutzinger stürmten den Altarraum und umringten den Greininger Fritz: Wann kommen die denn? Wie lange? Wie viele? Wo sollen die schlafen? Was essen die? Vertragen die Schweinsbraten mit Kraut und Knödel? Vergessen war der Segen Gottes, die frohe Botschaft der Auferstehung, der Segen Gottes, gespendet von zwei verzweifelten Pfarrern.

Und die Meier-Lehner Anni? Die stand in der Ecke und heulte Rotz und Wasser. Dabei hatte alles mal wieder selbst „versemmelt“. Hätte sie doch nur in ihrer kurzen Rede gleich mitverkündet, dass sie natürlich den Vorsitz der Vereine übernehmen werde. Dann hätte alles noch gut werden können. „Mei, bin i bled“, hat die Meier-Lehner Anni geheult und ist wütend nach Hause gegangen. Den kaputten Mantel, den hat sie vorher noch dem Pfarrer vor die Füße geworfen. „Das gibt ein Nachspiel“, hat sie gefaucht. Der Pfarrer Brandberger hat einen Schock bekommen. Der hat nämlich gedacht, die Meier-Lehner Anni meint ihn mit dem Nachspiel. Nicht ganz zu unrecht hätte das auch so sein können. Denn der Brandberger, der hat die Meier-Lehner Anni da oben auf der Kanzel, als er sie hat retten wollen, wirklich ein bisserl zu viel an sich gedrückt. Die Männlichkeit ist halt in diesem Moment mit ihm durchgegangen, schließlich hat so ein Pfarrer höchst selten die Gelegenheit, eine Frau an sich zu drücken. „O Gott“, ist da dem Brandberger der Schweiß auf die Stirn gestiegen. „Jetzt bin ich fertig“, hat er gedacht und hat sich schon vorm Schwurgericht beim Papst in Rom gesehen, wo ihm die Kardinäle sein Vergehen ins Gesicht schreien. Ein Alptraum….

Wer sich über das Geschehen in der Berlchinger Kirche am meisten hat freuen können, war die Liesl. Allerdings hat die Liesl das erst später mit gekriegt, dass ihr Greininger Fritz wieder da ist. Weil die Liesl, die hat ja der Greininger Fritz, als er sich Hals über Kopf nach Shanghai hat abgesetzt wegen der Geschichte mit der Kanonen-Kugel aus der Trutzinger Kanone, in seinem Bett einfach sitzen gelassen. Und das ist sie am Ostersonntag noch gesessen, die Liesl. Sie ist halt ein treues Mädchen. Keinen anderen hat sie in der Zeit angeschaut, in der der Greininger Fritz weg war.

Wie die Geschichte weiter geht? Na ganz einfach: Die Chinesen kommen. Aber das ist eine andere Geschichte, die muss erst noch geschrieben werden.

Dieser Beitrag wurde unter Prosa / Kurzgeschichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>