Fasching? Nein danke!

„Mir müssen uns zamtun, sonst geh ma allesamt unta“. Das war das Fazit der Sitzung des Faschingsvereins Allemunde e. V. in Berlchingen. Die Trutzinger, die sollten helfen, den arg an Mitgliedern geschrumpften Verein vor dem endgültigen Verfall zu retten. Schuld war natürlich wieder dieser demografische Wandel. Der lauert überall. Und der packt zu, wo er zupacken kann. Ohne Gnade. G’sehn hat ihn ja no keiner, diesen „demografischen Wandel“. Der ist nicht zu greifen. Kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg. Und hinterlässt Scherben. Wie im Berlchinger Faschingsverein Allemunde. Dort sitzen’s, seit dieser demografische Wandel da war, im Vereinsheim und hängen die G’sichter arg runter. Und das direkt am Faschingsendspurt. Heute ist Faschingssonntag!

Also Zeit hatten die Berlchinger wirklich nimma. Sie mussten sofort handeln, sonst war alles verloren. Am Faschingsdienstag sollte der Gaudiwurm durch Berlchingen ziehen. Aber mit nur fünf Prunkwagen und fünf Fußgruppen? Na! Auf goar koan Fall! Denn sogar da war’s nicht sicher, ob die Narrinnen und Narren auch alle pflichtbewusst kommen, wie der Vorstand bei besagter Sitzung im Vereinsheim als einen der Hauptpunkte zu Gehör brachte. Jeder hat ja heutzutage so viel zu tun. Auch in der Freizeit. Freizeit hier, Freizeit da, Freizeit hinten, Freizeit vorne, Freizeit überall und humptata. Apropos humptata. Der Nerlbauer, der hatte in diesem Augenblick in die Sitzungsrunde hinein einfach so verkündet, dass die Humptata-Dorfkapelle eben per SMS abgesagt hat. Wegen Krankheit! „Na, des derf doch nicht wahr sein“, hat der Vereinsvorstand, der Hintermeier, gerufen. Wegen Krankheit! Was denn für a Krankheit? Eine Krankheit? Oder 14 Krankheiten? 14 deshalb, weil die Dorfkapelle nur noch 14 Mitglieder hat. Oder eine Dirigentenkrankheit? Oder eine Musiker-Ansteckungs-Krankheit am Ende? Und die hat dann alle auf einen Schlag erwischt? Der Hintermeier, der hat zu diesem Zeitpunkt die Welt wirklich nimma verstanden. Dabei wollte er am Faschingssonntag mit seiner Frau zur Sixty-Party in den Berlchinger-Saal. Aber des ist ihm jetzt schee vergangen. Dabei hat sich sei Frau so g’freit auf diesen Abend. „Nicht mit mir, nicht mit mir“, hat der Hintermeier nach dieser Schreckensmeldung im Vereinsheim in die Runde gerufen. „Ich lege mein Amt nieder!“ Da san’s alle erschrocken, die Vorstandsmitglieder. „Na“, haben’s gerufen. „Hintermeier, des kannst uns doch nicht antun!“ Und dann haben’s wild durcheinander auf den Hintermeier eingeredet. Mit Händen und Füßen, gebrüllt haben’s dabei so laut, dass die Gäste aus der Gaststube ins Nebenzimmer g’schaut haben, was denn da für ein Lärm los ist. Und nach und nach hat sich das Nebenzimmer gefüllt mit weiteren Leuten, die allesamt mit dem Faschingsverein Allemunde e.V. getrauert haben, dass jetzt alles vorbei sein soll, wo doch der Faschingszug immer so schee g’wesen ist. Und alles nur wegen dem vermaledeiten demografischen Wandel.


Bis einer in die Runde g’rufen hat: „Dann müsst ihr eben a Hochzeit hervorbringen. Mit einem anderen Faschingsverein.“ Plötzlich war’s staad im Nebenzimmer, mucksmäuschenstaad. Alle haben’s Maul aufgriessen und nur noch g’schaut. „ja, des is die Lösung!“, hat der Nerlbauer g’ruf’n. „Und dann musst a nimma z’rucktreten, Hintermeier“, hat er dem Vorstand stolz verkündet.

Zuerst ham’s alle weiter belämmert geschaut. Denn hat die Meier-Lehner Anni g’sagt, was des für ein Quatsch sein soll. Es gebe keinen Verein weit und breit für eine Fuschion oder wie des heißen tet im Fachjargon, so die Meier-Lehner Anni. Die Meier-Lehner Anni, muss man wissen, ist die Zweite Vorsitzende im Faschingsverein Allemunde e. V. Sie hat sich hochgedient, wie man so schön sagt. Also auf deitsch g’sagt: Sie hatte was mit dem Hintermeier. Aber das ist schon 20 Jahre her. Inzwischen sind beide verheiratet. Nicht miteinander. Aber im Verein, da haben sie bis heute weiter die Geschicke der Faschingsnärrinnen und –narren gelenkt und in Ordnung gebracht. Die Meier-Lehner hat aber heimlich schon immer darauf spekuliert, dass der Hintermeier endlich abtritt. Denn, so die Meier-Lehner Anni, „die Frauenquote eines jeden Vereins gebietet es, dass endlich die Frauen an die Macht, also Vorstandschaftsmacht, kommen!“ Keiner hat ihr bis heute zugehört. Und das hat sie immer total geärgert. Aber g’sagt hat sie nichts. Nur still gewartet und gehofft. „Eines Tages kommt meine Chance. Und dann schlage ich zu“, hat sie gedacht.

Jetzt hat die Meier-Lehner Anni natürlich in dem Moment, in dem die Bauernkapelle per SMS abgesagt hat und der Hintermeier sein Amt niederlegen wollte, schon gemeint, ihre Stunde habe geschlagen. Sie wollte schon in die Runde rufen: „Dann übernehme ich selbstlos und unentgeltlich selbstverständlich die Stelle vom Hintermeier. Ihr dürft ab sofort 1. Vorsitzende zu mir sagen! Ich werde mein Amt treu und zuverlässig ausführen.“ Ohne Lug und Trug, wollte sie auch noch anführen, die Meier-Lehner Anni. Weil sie 20 Jahre lang der Meinung war, dass der Hintermeier das Vereinsgeld heimlich für sein teures Hobby, Wellnessen in Luxushotels, hat ausgegeben, statt es in den Faschingszug oder in neue Kostüme der Gardemädchen zu investieren. Letztere nämlich schauen scho arg heruntergekommen aus. Die weißen Strumpfhosen sind vergilbt und haben Löcher. Und die feschen Gardekostüme haben auch schon mal bessere Tage gesehen. Wenn man genau hinschaut, sieht man, wo sie überall schon geflickt und ausgebessert worden sind mit anderen billigen Stoffresten. Ja, das wollte die Meier-Lehner Anni alles gleich anbringen. Wie sie dafür sorgen wird, dass die Gardemädchen neu ausstaffiert werden mit modernen, frischen Gardekostümen. Damit’s auch endlich mal in der Großstadt Regensburg mitmachen können beim Gardetreffen. Bisher hat die Trainerin Helma immer drauf verzichtet. Sie hat halt g’sagt, weil die Gardemädchen trainingsmäßig noch nicht so weit seien. Aber die Meier-Lehner Anni hat’s besser gewusst, warum die Helma nie mit den Mädchen nach Regensburg g’fahrn ist. Einmal, da war die Helma am Boden unten. Da hat sie nach einer Trainingsstunde mit der Zweiten Vorsitzenden heimlich im Keller unter dem Trainingsraum eine Flasche Rotwein ausgetrunken. Und je mehr Rotwein die Helma getrunken hat, umso mehr hat sie erzählt von den Betrügereien des Hintermeiers und dass deswegen die Garde keine neuen Kostüme bekommt und nicht nach Regensburg kann. Weil da müsse man sich ja für die Mädls schama, dabei san’s trainingstechnisch so guat, hat die Helma geweint.

Immer wieder hat sich die Meier-Lehner Anni auf die Zunge gebissen, weil sie’s hat sagen wollen in den Vereinssitzungen. Aber sie hat sich dann doch nicht getraut. Weil der Hintermeier, der ist ein narrischer Hund, das weiß jeder. Und der hätte eh nix zugegeben. Der hätte nur gebrüllt, dass die Anni lügt und dann hätte er einen Antrag gestellt, dass sie wegen Verleumdung aus dem Verein ausgeschlossen wird. Und das wollte die Meier-Lehner Anni dann nicht riskieren.

Nur drei Minuten hat ihre Hoffnung auf den Platz des 1. Vorsitzenden gedauert an jenem Faschingssonntag am 19. Februar 2012. Dann hat so a Depp rumgetönt, dass der Verein „heiraten“ soll. Und bevor die Meier-Lehner Anni auch nur ein Wort hat sagen können, ist ihr Traum auf den 1. Vorsitz wieder zerronnen gewesen. Der Hintermeier nämlich hat sofort die Idee aufgegriffen. Im Grunde wollte er ja gar nicht zurücktreten. Er hat doch nur groß rumgetönt, damit die anderen ihm sagen: Nein, lieber Hintermeier. Auf dich können wir doch nicht verzichten. Oh Gott, oh Gott. Du darfst uns doch nicht zurücktreten und uns verlassen. Was wird denn dann aus dem Verein….“ Aber das hat keiner gesagt. Erst später ist das dem Hintermeier so richtig bewusst geworden. Und dann ist er aus lauter Grant doch noch zurückgetreten. Aber das ist eine andere Geschichte. Vorher ist noch viel, viel mehr passiert.

Also nachdem die Leute aus der Wirtsstube den Vorschlag mit der Vereinsfusion gemacht haben, war allen auch schnell klar, dass so eine Vereinshochzeit nur mit einem einzigen Verein möglich sein kann. Denn es drängte. Es war Faschingssonntag! Und um den Faschingszug am Dienstag noch zu retten, war Eile geboten. Also kam nur der Faschingsverein Allenase aus Trutzingen in Frage. In Trutzingen, wo die Trutzburg das herausragendste – und einzige –Wahrzeichen des Dorfes ist, gibt es genauso lange wie Berlchingen einen Faschingsverein. Gegründet wurde dieser vom Bruder des Allemunde-Gründers. Damals hatten sich die Brüder wegen der Vereinssache total zerstritten. Das war so schlimm, dass der damalige Bruder des Vereinsgründers Allemunde nach Trutzingen gezogen ist und dort den eigenen Verein, den Allenase, gegründet hat. Es ging, soweit das noch überliefert ist, um den Namen des neuen Vereins. Die beiden Brüder konnten sich nicht einigen und deshalb gibt es jetzt so nah beisammen und in zwei so kleinen Ortschaften seit mehr als 50 Jahren zwei sehr rührige Faschingsvereine. Oder besser gesagt, hat es gegeben. Denn als der demografische Wandel kam, wurden die Vereinsmitglieder in beiden Vereinen regelrecht „dahingerafft“. Kaum hat man sie großgezogen, zogen sie auch schon wieder weg, wegen dem Studium, der Fortbildung, dem Auslandspraktikum, dem Partner oder der Partnerin oder einfach wegen der Langeweile am Dorf. Gründe gar es immer, aus Berlchingen oder Trutzingen auszuziehen. In den beiden Faschingsvereinen blieben nur die ganz Kleinen und die Alten. Und die wurden dahingerafft von dem demografischen Wandel. Oder? Nein, das stimmt jetzt irgendwo doch nicht ganz. Der demografische Wandel rafft ja keine Leute weg, der sorgt dafür, dass die Leute immer älter werden. Also wo ist eigentlich das Problem? Wenn sie immer älter werden, bleiben sie doch auch länger im Verein? Warum lamentieren die Vereine dann immer so wegen dem demografischen Wandel?

Das hat sich die Meier-Lehner Anni auch gedacht. Und das wollte sie auch sagen in der besagten Vereinssitzung. Aber dann ist ein derart großer Tumult entstanden. Alle haben durcheinander geredet. Jeder wollte Vorschläge machen wegen der Fuschion. Bis der Hintermeier auf den Tisch gehauen hat. „Ruhe“, hat er gebrüllt. „Jetzt hört’s doch amal alle zu. Wir heiraten die Pappnasen, äh Allenasen, wollte ich sagen.“ Weil er schon drei Bier hatte, hat er sich versprochen. Er wollte natürlich die Trutzinger nicht beleidigen, wenn auch der ewige Groll seit der Gründung noch immer unterschwellig anklingt. Aber ansonsten verstehen sich die Allemunde-Mitglieder mit den Allenasen-Mitgliedern hervorragend. Manchmal wurden auch schon Gardemädchen ausgetauscht oder eine Büttenrede wurde gleichzeitig in beiden Dörfern vorgelesen, weil an einem vergangenen Fasching den Berlchingern oder den Trutzingern nichts G’scheites eingefallen ist.

In der Wirtsstube, da ist auch ein Mitglied der Trutzinger gesessen. Der hat vielleicht die Ohren gespitzt. Sofort ist er aufgesprungen und hat gerufen: „Ich hol den Allenasen-Vorstand!“ Das war seine große Stunde. Alle haben ehrfurchtsvoll vor so viel Courage und Entscheidungskraft die Köpfe gesenkt. Der Trutzinger, es war der Fleischer Stani, ist losgelaufen, in seinen Jaguar vor der Wirtshaustüre gesprungen und losgeprescht. Freilich konnte er sein schnelles Gefährt kaum auf Touren bringen, war er schon an der Haustüre des Allenasen-Vorstandes angekommen. Weil Gerlchingen und Trutzingen liegen halt nun mal nur einen halben Kilometer auseinander. Da hätte ein anderer, bis der Fleischer Stani überhaupt im Auto gesessen ist, längst zu Fuß die Haustüre vom Breininger Fritz, dem Allenasen-Vorstand, erreicht. Aber der Fleischer Stani war eben entschlossener als die anderen. Also durfte er die große Nachricht überbringen. Er hat beim Breininger Fritz zuerst mal Sturm geläutet. „Hoffentlich ist der daham“, hat der Fleischer Stani gefleht und zum Herrgott gebetet, dass ja alles guat geht. Erst hat sich gar nix gerührt. Der Breininger Fritz, der war nämlich beschäftigt mit seiner Freundin, der Liesl. Und zwar sehr eingehend und intensiv. Dem hat das gar nicht gepasst, dieses Sturmläuten an der Haustüre. Er und die Lisl haben sich die Bettdecke über den Kopf gezogen, ums nicht zu hören. Aber der Fleischer Stani war hartnäckig. Geläutet, an die Haustüre gebummert und geschrieen hat er wie am Spieß. Bis der Breininger Fritz wütend in seine Hose gesprungen ist, der Liesl angeordnet hat, ja das Bett derweil nicht zu verlassen und mit einem Hosenbein am Bein und einem noch neben dem anderen Bein zur Tür gehopst ist. Dort wollte er erst mal den Fleischer Stani eine Standpauke halten, was das blöde Geschrei soll.

Der Fleischer Stani hat ihm sofort die neue Nachricht ins Gesicht geschrieen: „Der Allemunde, der will mit dir, also nicht mit dir, mit deinem Verein, also mit dem Allenase heiraten, also eine Vereinshochzeit, also eine Fuschion halt…“ Dann ist dem Fleischer Stani die Luft ausgegangen und der Mut. Wie ein Luftballon ist er vor der Haustüre in sich zusammengesunken und hat geschwiegen. Das war zu diesem Zeitpunkt dem Breininger Fritz aber völlig egal. Der hat schon lange darüber nachgedacht, dass es gut wäre, mit dem Allemunder Verein zu fusionieren. Aber er hat sich nie getraut, dem Hintermeier was zu sagen. Wenn das jetzt umgekehrt funktioniert, ist er aus dem Schneider. Besser könnte es ja gar nicht laufen. Denn, was der Berlchinger Verein zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte: Die Trutzinger waren auch längst schon vom demografischen Wandel eingeholt worden. Nur hat der Breininger Fritz das schön flach gehalten und immer so getan, als sei in seinem Verein alles in Ordnung. Der Breininger Fritz ist nämlich ein ganz Schlauer. Der arbeitet als Manager in einem Weltunternehmen. Da muss man immer positiv drauf sein. Das lernt man in solchen Betrieben. Ja nie sagen: Das kann ich nicht. Oder so Zeug wie: Der Firma geht es schlecht. Oder: Die Firma ist pleite. Um Gottes Willen! Bei solchen Aussagen ist man so gut wie tot, also im Sinne von „gekündigt“. Und der Breininger Fritz hat das schnell gelernt. Nur so hat er es zum Manager gebracht. Natürlich hat er seine Firmenphilosophie, als er Vorstand wurde, auch im Verein umgesetzt. Seither ist der Faschingsverein Allenase ein aufstrebender, erfolgreicher Verein mit einem dicken Geldpolster, unzähligen Mitgliedern und großartigen Vereinsveranstaltungen. Dass in Wirklichkeit auch im Allenase der Mitgliederschwund um sich greift, die Vereinskasse leer bis auf den letzten Cent ist und die Gardekostüme mindestens genauso angestaubt sind wie beim Allemunde, das hat der Greininger Fritz niemanden gesagt. Und mit seinem Positiv-Getue die ganze Zeit hat auch jeder gedacht: Wau, der Greininger Fritz, der kann einen Verein führen. Da ist alles super, da ist alles perfekt. Das ist ein Vorzeigeverein für die Trutzinger! Nur hat der Greininger Fritz just in diesem Jahr auch Probleme bekommen mit dem Faschingszug. Zwar hat er noch ein paar mehr Prunkwagen und Blaskapellen und Fußtruppen zusammentrommeln können. Aber die meisten kommen von auswärts und der Greininger Fritz hätte sie sogar dafür bezahlen müssen, dass sie überhaupt kommen. Das hätte der Herr Manager auch getan. Schließlich kann man sich keine Blöße geben, noch dazu wenn man Führungskraft in einem großen Unternehmen ist. Die letzte Groschen aus der Vereinskasse hätte der Greininger Fritz dafür hergenommen. Hinterher hätte er es halt wieder irgendwie reingelegt. Das hätte er sich schon zugetraut, dass er das dann schafft.

Aber so ist es natürlich viel besser. Wie immer hat der Greininger Fritz auch diesmal sozusagen in letzter Sekunde die Kurve gekriegt. Klar, ein Manager hat halt immer eine Lösung! Dem Greininger seine Lösung schaute so aus, dass er nur einen einzigen Griff nach seiner Jacke machte, den Fleischer Stani am Kragen packte und ihn anschnauzte: „Wo findet die Fusion statt?“ und dann hat er ihn Richtung Wirtshaus gezerrt. Der Jaguar und die Liesl im Bett blieben zurück. Der Greininger Fritz hat in diesem Augenblick völlig vergessen, mit was er eigentlich beschäftigt gewesen ist. Und weil das alles so wichtig für ihn und sein Image war, hat er die Liesl derart vergessen, dass sie wohl heute noch in seinem Bett sitzt und auf ihn wartet. Nachgeschaut hat zumindest seither dort niemand mehr.

Im Nebenzimmer des Wirtshauses angekommen hat der Greininger Fritz den Hintermeier die rechte Hand gedrückt, „Ich schlage ein“ gerufen, zwei Zettel auf den Tisch geknallt und den Hintermeier zur Unterschrift genötigt. Ehe sich der Hintermeier versehen hat, war die Fusion von Allemunde und Allenase mit allen Rechten für den Faschingsverein Allenase schriftlich besiegelt. Ja, der Greininger Fritz ist halt a Hund. Und des hätte sich der Hintermeier denken können. Nur hat der zu diesem Zeitpunkt vor lauter Angst, der Faschingszug könnte ausfallen – seit 50 Jahren das erste Mal, nicht gedacht. So fielen die Vereinskasse, alle Mitglieder, das Vereinsheim, der gesamte Faschingskostümfundus und sogar die historische Pappnase, die das Gründungsmitglied als Clown damals getragen hat, an den Trutzinger Faschingsverein Allenase. Und der Hintermeier musste auch noch auf den Vorsitz verzichten. Der Greininger Fritz hatte auch verlangt, dass er bei einer Hochzeit 1. Vorstand bleibt und der der Hintermeier darf die Stellvertretung – und die Arbeit für den Faschingszug – übernehmen. Am dümmsten g’schaut hat bei der ganzen Sache natürlich die Meier-Lehner Anni. Denn statt dass sie jetzt Vorsitzende geworden ist – die erste weibliche Vorsitzende, was für eine Ehre – war sie gar nichts mehr. Der Greininger Fritz hat sie flugs zur Bratwurst-Besorgerin für die Zuschauer des Faschingszuges degradiert. Weil er die Meier-Lehner Anni nie hat leiden können, deshalb wollte er sie umgehend loswerden. Am Ende macht die noch G’schieß. Und das hätte der Greininger Fritz zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht gebrauchen können.

Der Faschingszug

Schweren Herzens hat der Hintermeier allem zugestimmt. Also hinterher sozusagen. Weil er ja so überrumpelt worden ist, dass er gar nicht gemerkt hat, wie ihn der Greininger Fritz um seinen Verein betrogen hat. Zuerst wurde im Wirtshaus nach der Hochzeit ausgiebig gefeiert. Nach und nach kamen mehr Mitglieder aus beiden Vereinen, die per SMS und Facebook von der Hochzeit gehört haben. Und weil Faschingssonntag war, wollte eh keiner mehr nach Hause. Eine schöne, würdevolle Feier ist es geworden, diese Fuschion. Die letzten Schnapsleichen hat der Wirt am Montagmorgen so gegen 8 Uhr „rausgekehrt“. Dann ging alles sehr schnell. Die beiden Vereine vereinbarten, wo der Faschingszug beginnen und wo er aufhören sollte. Schließlich war keine Zeit mehr, was Neues zu erfinden. Auch hier hatte natürlich der Greininger wieder das Sagen. Er bestimmte, dass der Gaudiwurm in Berlchingen am Kirchplatz um 14.14 Uhr beginnen soll. Das Ende des Zuges mit dem traditionellen Kehraus mit Büttenreden, Saufgelage, Rock-Open-Air und Speis und Trank für die Gäste sollte dann im Hof der Trutzburg stattfinden. Damit hatte Berlchingen gar keine Vorteile oder Einnahmen durch den Faschingszug, weil beim Aufstellen der Vereine und dem Abmarsch ja kein einziger Cent fließt. Und auch die Zuschauer stellen sich nicht dort auf, wo’s angeht, sonder dort, wo’s aufhört, weil es bekanntlich am Ende was zum Saufen gibt. Den dicken Batzen Geld für den Verein, den wollte sich der Greininger Fritz beim Kehraus holen und einstreichen. Der Hintermeier seufzte auch dazu, aber g’sagt hat er wieder nix. Hauptsache der Faschingszug fand überhaupt statt.

Gegen 13.30 Uhr an besagtem Dienstag versammelten sich die Närrinnen und Narren allesamt am Kirchplatz in Berlchingen. Richtig in Faschingsstimmung waren sie allerdings nicht. Keiner wusste so recht, warum jetzt der Zug in Berlchingen am Kirchplatz beginnen und an der Trutzburg in Trutzingen enden sollte. Die Berlchinger, die traditionell wie immer die Trutzburg-Kanone auf ihren Prunkwagen durchs Dorf ziehen durften, die wussten aber ganz genau, was hier gespielt wurde. Und die wollten sich das keineswegs gefallen lassen.

Warum die Berlchinger die Kanone der Trutzburg auf ihrem Faschingswagen spazieren fuhren, und das seit 50 Jahren, hat einen besonderen Grund: Vor 100 Jahren schon, da gab es einen anderen, weit schlimmeren Streit zwischen den beiden Dörfern. Da haben die Trutzinger auf die Berlchinger von der Burg aus geschossen. Ein paar Tote soll es sogar gegeben haben, sagt die Überlieferung. Dabei war der Grund ziemlich dumm. Die Berlchinger haben die Trutzinger beleidigt wegen ihrer Burg. Das ist nämlich die kleinste Burg der Welt. Und die Berlchinger, die schon immer neidisch waren auf die Trutzinger wegen der Burg und weil sie keine Sehenswürdigkeit wie die Trutzinger zum Angeben haben, haben vor 100 Jahren behauptet, die Burg wäre nur so groß wie das Herzerlhäuschen hinter der Berlchinger Kirche. Da wurden die Trutzinger wütend. Von wegen ihre Burg sei ein Scheißhaus. Denen werden wir es zeigen! Und dann haben die Trutzinger tatsächlich geschossen. Danach sind sie selbst über ihre Dreistigkeit schrecklich erschrocken. Und es hat ihnen auch sofort leid getan wegen der Toten. Aber die Berlchinger haben sich nicht mehr beruhigt. In einer finsteren Winternacht sind ein paar Burschen aus dem geschädigten Dorf in die Trutzburg geschlichen und haben die Tatwaffe, die Kanone, gestohlen. Seither gehört das eiserne, tonnenschwere Geschoss den Berlchingern. Und seither wird sie sozusagen als Mahnmal am Faschingsdienstag immer durch Berlchingen gezogen.

Diesmal sollte die Kanone also wirklich zurück zur Burg. Die Sensation des Jahres sollte das werden. Deshalb kamen zum diesjährigen Faschingszug weit mehr Zuschauer als in den vergangenen 50 Jahren. Dieses Ereignis – ein grenzüberschreitender Faschingszug mit Endpunkt Trutzburg – wollte sich niemand entgehen lassen. Wieder dank SMS und Facebook wurden auch weit entfernt wohnende Freunde, Bekannte und Verwandte über die großartige Neuigkeit informiert. Und so waren bald alle Straßen und Gassen von Gerlchingen und vor allem von Trutzingen und hinauf zur Trutzburg verstopft. Dem Hintermeier und dem Greininger Fritz schwellten die Kämme vor Stolz und Angeberei. Das hatten sie geschafft: Der erste gemeinsame Faschingszug Berlchingen-Trutzingen sollte in die Geschichte der Orte eingehen. Ja am Ende findet sogar die ganze Welt Interesse daran. Schließlich gibt es das Internet. Und die Fernsehreporter waren tatsächlich schon da. Die Kameras wurden vor den Toren der Trutzburg aufgebaut, ein heftiger Streit entstand wegen dem Platz, weil jeder Lokalreporter der Platzhirsch sein wollte und den besten Standpunkt zum Fotografieren und Berichterstatten wollte, wenn der Faschingszug eintrifft.

Der große Moment war gekommen: 14.14 Uhr begann die Blaskapelle zu spielen. Helau, Helau!, tönte es von den Prunkwagen und das Fußvolk in den bunten Kostümen oder blauen Gardekleidchen strengte sich besonders an, faschingsmäßig gut dazustehen. Alle hofften auf einen Fernsehauftritt. Wenn schon mal das Lokalfernsehen extra kommt. Und dann gibt es ja auch noch das Internet. Da, der Webside-Designer Karl war auch da und hat schon seine Designer-Videokamera gezückt. Der stellt den Faschingszug bestimmt ins Netz. Jubel- und Helaurufe übertönten das Glockengebimmel in Berlchingen. Dort wollte der Pfarrer schnell alle mit Glockengeläute ermahnen, nicht ganz dem Sündenpfuhl am Faschingsdienstag zu verfallen. Aber des Pfarrers Mühen waren völlig sinnlos, es hörte keiner. Die falschen Trompetenklänge der Faschingszug-Bauernkapellen übertönten die Glocken gnadenlos.

Nach und nach zogen die Gruppen und Wagen hintereinander her. Endlich durften auch die letzten, die Berlchinger Sängerknaben, den Kirchplatz verlassen. Hintermeier hat die betagten alten Herren bewusst hinten angestellt. Sie sind halt nicht mehr ganz so flott wie die Jungen. Und wenn sie dann wie immer zurückfallen, macht das als Schlusslicht nichts. So kam es auch, dass die Berlchinger Sängerknaben nicht mitbekamen, was vorne im Gaudiwurm weiter geschah. Die Sängerknaben hörten nur einen Knall. Und weil an diesem Tag die Hörgeräte der betagten Sänger im Lärmpegel nicht mehr richtig funktionierten, dachten die Sängerknaben, der Knall wäre ein Saluteschuss gewesen von den Schützen aus dem Schützenverein 1826 königlich-kaiserlich, die weiter vorne als „Wildschütz-Jännerlein“ verkleidet mit im Faschingszug marschierten. In Wahrheit aber war der Knall ein mächtiger Schlag aus der Kanone der Trutzburg. Die Kugel durchschlug das Trutzburg-Tor hinter dem Wassergraben, rollte weiter bis zum Trutzburg-Eingang, durchschlug das eiserne Gitter, rollte aufgrund der Wucht weiter durch die Burgmauer am hinteren Ende des kleinen Burgsaals und plumpste dann mit letzter Kraft auf der anderen Seite der Burg in den Wassergraben.

Was für ein Aufschrei! Die dichtgedrängte Menge versuchte, nach allen Seiten davon zu stoben. Aber im Tumult kam keiner so schnell davon. Deshalb überrannten die Zuschauer den gesamten Faschingszug, der wie gelähmt vor den Toren der Trutzburg nach dem Knall stehen geblieben war. Krapfen, Bonbons, Bierbecher, die von der Meier-Lehner Anni mit so vielen Anstrengungen besorgten 2000 Paar Bratwürste, die von den Faschingsfrauen mit so viel Liebe gebackenen Kuchen: alles wurde zu Brei niedergetrampelt. Der heimlich in einer Ecke versteckte Champagner, den sich der Greininger Fritz für seine Triumphfeier dort zurückgelegt hat, war schon vorher zu Bruch gegangen: die Kanonenkugel hat ihn überrollt.

Geschlagene 40 Minuten dauerte es, bis die Polizei eintraf. Das lag nicht daran, dass die Beamten nicht durch kamen oder weit weg waren. Nein, die waren ganz in der Nähe im Polizeirevier Trutzingen. Aber weil der Faschingszug ja immer friedlich war, hat die Polizei auch ein bisschen gefeiert. Und als der Alarm ausgelöst wurde, „wegen einer Burgkanone“, haben sich die Trutzinger Polizisten zuerst einmal schiefgelacht. Bis sie merkten: Ups, das ist ernst! Dann mussten sie erst ihr Gelage verräumen. In so einem schweren Fall meldet sich ja gleich immer die Kripo von der nächstgrößten Nachbarstadt an. Und die Kollegen sollten nicht sehen, was hier so abgeht. Als die Polizei also eintraf, war alles schon wieder vorbei. Die Zuschauer hatten längst das Weite gesucht und waren ob des so abrupt abgebrochenen Faschingszuges wieder nach Hause gefahren oder gegangen. Nicht bevor jeder gesehen hat, was geschehen war: Die Trutzburgkanone hat tatsächlich das erste Mal nach 100 Jahren wieder geschossen und die eigene Trutzburg zerstört.

Passiert ist Gott sei Dank niemanden etwas. Aber die Leute hatten halt Angst. Und deshalb suchten sie lieber das Weite. Der Breininger Fritz und der Hintermeier standen, als die Polizei eintraf, ziemlich deppert vor dem Tor der Trutzburg, das ein ziemlich großes Loch hatte, und schauten durch das Loch in das Loch des Burggitters und von dort wieder bis zum Loch im Burgsaal. Am einem übrig gebliebenen Stück des Trutzburg-Tors hing ein Bekennerschreiben, angeheftet an der dicken Eichentür mit einem Schwert aus dem Burgmuseum. Auf dem Bekennerschreiben stand: „Wir werden niemals mit den Trutzingern einen Faschingszug machen. Macht euren Dreck doch alleine. Das ist die Rache für damals! Die Berlchinger.“

So! Das war es also. Die Berlchinger haben zurückgeschossen. Nach 100 Jahren hatten sie endlich die Gelegenheit, im Zuge des Faschingszuges mit der Kanone in die Nähe der Trutzburg zu kommen. Und ein paar mutige, junge Burschen haben die Gelegenheit genutzt. So, das war’s dann mit den Faschingsvereinen Allemunde e. V. und Allenase e. V. in Berlchingen und Trutzingen. Natürlich haben sich die beiden Vereine daraufhin sofort wieder scheiden lassen. Und bald darauf wurden beide wegen fehlender “Masse”, sprich wegen fehlenden Mitgliedern, aufgelöst. Der Greininger Fritz hat zugeben müssen, dass sein Verein auch pleite ist. Der Hintermeier hat sein Amt endgültig niedergelegt. Die Meier-Lehner Anni hat sich aber nicht darüber gefreut. Zwar wäre sie jetzt Vorsitzende geworden. Aber den Verein, den gab es ja nicht mehr. Und eine Vorsitzende ohne Verein ist das Allerdümmste, was ihr hat passieren können. Damit ist die Geschichte zu Ende. Es fehlen nur noch der Jaguar vom Fleischer Stani und die Liesl. Den Jaguar hat der Fleischer Stani am Aschermittwoch vor der Haustüre des Greininger Fritz wieder abgeholt.

Aber der Greininger Fritz, der ist nicht mehr nach Hause gegangen. Er hat nicht nur seinen 200 Euro teuren Champagner verloren, sondern noch viel schlimmer sein Gesicht. „Ha, Manager willst du sein. Ha, was hast denn da zusammengemanagt?“ haben ihm die Trutzinger und die Berlchinger zugerufen. Und ausgelacht haben sie ihn. Der Greininger Fritz, der hat diese Schmach und Schande nicht ausgehalten. Er hat sich noch am selben Tag von seiner Firma nach China versetzen lassen. In Shanghai, da kann er drauflos managen, auf Teufel komm’ raus. Die Chinesen durchschauen nämlich die Sache noch nicht so ganz wie wir, die Sache mit dem Managen und die mit den Faschingsvereinen und alles andere, was nicht ganz in Ordnung ist in einer ehrenwerten Gesellschaft. Angeblich soll der Greininger Fritz in Shanghai den ersten chinesischen Faschingszug gegründet haben, wird gemunkelt. Und weil die Chinesen alles kopieren, heißt der Verein „Allenase“. Und weil die Chinesen alles kopieren, gibt es in China jetzt ein Berlchingen, ein Trutzingen und eine Trutzburg. Und natürlich auch einen Faschingsverein „Allemunde“. Aber das mit dem gemeinsamen Faschingszug, das hat der Greininger Fritz seinen Chinesen nicht erzählt. Er wollte ja nicht, dass sich die Trutzinger Geschichte am Ende in China wiederholt. Oh, jetzt haben wir die Liesl vergessen. Was machen wir mit der? Ach was. Die Liesl, die lassen wir in dem Greininger Fritz seinem Bett einfach sitzen. Denn wenn eines Tages die Chinesen auch alles durchschaut haben, kommt der Greininger Fritz eh wieder heim. Und dann geht alles von vorne los, das mit dem Managen und mit dem Vereinswesen in Deutschland und mit der ehrenwerten Gesellschaft. Dann ist die Liesl schon am richtigen Ort. Was für ein Glück!

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